21 | 11 | 2017
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Einleitung

... oder einige kritische Worte vorweg ...

Während eines Tauchgangs sättigt sich der Körper eines Tauchers je nach Tauchgangsprofil mehr oder minder mit sog. Inertgasen auf.

Inertgase sind reaktionsträge (inerte) Gase, die sich nicht oder kaum an Stoffwechselreaktionen beteiligen. Das am häufigsten auftretende Inertgas beim Tauchen ist Stickstoff als normaler Bestandteil der Atemluft (~78%). Aufgrund der negativen Eigenschaften von Stickstoff bei erhöhtem Partialdruck (Stickstoffnarkose / Tiefenrausch), wird im Rahmen des technischen und kommerziellen Tauchens ein Teil des Stickstoff durch andere Inertgase (meist Helium) ersetzt. Grundsätzlich müssen Inertgase im Rahmen des Austauchens kontrolliert wieder abgegeben werden (Dekompression).

Unter Dekompression versteht man beim Tauchen das langsame, kontrollierte Aufsteigen zur Oberfläche, um dem Körper die Gelegenheit zu geben, aufgesättigte Inertgase kontrolliert abzuatmen. Das Nichtbeachten der Aufstiegsregeln kann im schlimmsten Fall zum Auftreten der Dekompressionkrankheit führen.
Um dies zu vermeiden, werden Dekompressionsmodelle herangezogen. Dabei handelt es sich um mathematische Modelle, deren Aufgabe darin besteht, empirisch ermittelte Dekompressionsbefunde mathematisch zu beschreiben und berechenbar zu machen.

Eines der bekanntesten und vielleicht das am häufigsten eingesetzte Dekompressionsmodell ist das ZH-L16 des schweizer Mediziners Prof. Albert A. Bühlmann ([1]).
Die Bezeichnung ZH-L16 bildet sich aus ZH für die Stadt Zürich, L für Limit und 16 für die Anzahl der verwendeten Kompartimente. 

In der klassischen Sporttaucherausbildung wird der Aspekt der Dekompression mitunter nur unzureichend behandelt. Mehr noch, es gibt Organisationen, in denen Tauchlehrer teilweise angehalten sind, dieses Wort „Dekompression“ im Unterricht zu vermeiden. Schließlich geht es darum, Sporttaucher auszubilden, die bestimmte Grenzen nicht überschreiten sollen.
Als ob in der Realität eine klare Grenze gezogen werden könnte, bleibt dieses Thema den technisch orientierten Kursen vorbehalten.

Letztlich signalisiert das Wenige an vermitteltem Wissen zum Thema Dekompression u. U. aber, dass es sich hierbei um einen Bereich handelt, der wohl von untergeordneter Bedeutung sein muss.  Womöglich kommt daher auch die oft mangelnde Bereitschaft, sich mit diesem Thema auseinander zusetzen.
In den Fällen, in denen Dekompression organisationsbedingt nicht vertiefend behandelt wird, stellt sich vielleicht auch für den Tauchlehrer die Frage, warum er dann mehr darüber wissen sollte. Fairerweise muss natürlich festgestellt werden, dass dieses Thema nicht gerade mit "Lesebuchqualitäten" gesegnet ist, sondern eher etwas sperrig daher kommt.

Trotzdem müssen die angehenden Sporttaucher während ihrer Ausbildung mit den wesentlichen Aspekten der Dekompression konfrontiert werden, da diese sich schließlich in Nullzeitentabelle, Einhalten der Aufstiegsgeschwindigkeit und Sicherheitsstop niederschlägt. Diese Regeln erfüllen nur einen Zweck - das Vermeiden der Dekompressionskrankheit. Ein interessanter Spagat, der hier vollführt wird.

Dieses Problems versucht man sich mittlerweile scheinbar dadurch zu entledigen, dass in den ersten großen Organisationen der Nullzeitentabelle keine exponierte Stellung mehr eingeräumt wird. Damit rückt zwangsläufig der Tauchcomputer ins Zentrum des taucherischen Geschehens, ohne dass jemand weiss, was sich darin abspielt.
Hinzu kommt, dass Taucher mit identischem Tauchgangsprofil, aber ausgestattet mit unterschiedlichen Tauchgangscomputern in der Regel auch unterschiedliche Aufstiegsprofile haben.

Sporttauchen soll so in klar definierten Grenzen vermittelt werden. Was sich jenseits dieser Grenzen abspielt, bleibt damit dem eigenen „Erfahren“ überlassen.

Auf den folgenden Seiten wird das Bühlmann'sche Rechenmodell ZH-L16 vorgestellt (mit einer Variation von Schreiner und einer Erweiterung um  Gradientenfaktoren).

Ziel soll es letztlich sein, ein Verständnis dafür zu entwickeln, was sich in einem Tauchcomputer alles abspielt.